Bäume der Hoffnung

Die Randarbeit der Geigen, Bratschen und Celli meiner ‚Solistenklasse’ forme ich aus Akazienholz und einem Fernambukspan. Die goldgelben Akazien haben für mich eine besondere Bedeutung. Sie werden auch „Bäume der Hoffnung“ genannt. Wie kam es zu dieser Bezeichnung?

Die gewaltigen Wüstenbäume mit ihrem goldfarbenen, fein gemaserten Akazienholz wurden, wie es das Buch Exodus (25,9ff, 26.15ff) berichtet, für den Bau des Hebräischen Wanderheiligtums verwendet.

Eine Auslegung des rabbinischen Judentums erklärt, dass dem Stammvater Jakob eine Prophezeiung zuteil geworden sei: „Jakob sagte, den Israeliten würde einst geboten werden, in der Wüste ein Wanderheiligtum (die Stiftshütte mit all ihrem Gerät) zu errichten. Daher brachte er drei Akazienkeimlinge nach Ägypten mit und pflanzte sie dort ein. Jakob wies seine Nachkommen an, diese Bäume mitzunehmen, wenn sie einst Ägypten verließen. Denn Gott würde sie auffordern, jenes Wanderheiligtum aus Akazienholz zu fertigen“ (vgl. Midrash Rabba 94:4).

Während der späteren Wüstenwanderung, die gemeinhin auf das 13. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, werden „die Künstler, in deren Sinn ich Kunst gelegt habe“ (2. Mose 31,6) aufgefordert, das Heiligtum anzufertigen, wie es ihnen geboten war. Es heißt dort: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne. Genau nach dem Bild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr's machen. Macht eine Lade aus Akazienholz […] Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold […] Und du sollst in die Lade das Gesetz legen, das ich dir geben werde“ (2. Mose 25,8ff).

Rabbi Yaakov Kamenetsky (1891-1986) wies auf die eigentliche Bedeutung des Handelns Jakobs hin: „Man hätte ja einfachere Wege gehabt, das Akazienholz für die Stiftshütte zu beschaffen. Dass Jakob die Keimlinge aus Israel nach Ägypten brachte, hatte einen viel tieferen Sinn. Er dachte nicht in erster Linie an das Material für das spätere Wanderheiligtum, sondern daran, den Glauben und die Hoffnung der Israeliten zu stärken. Er wusste, dass diese für eine lange und schwere Zeit in Ägypten würden bleiben müssen. Darum sollte etwas Sichtbares ihre Hoffnung lebendig erhalten. Man stelle sich vor, wie eines frühen Morgens ein Vater mit seinem Sohn niedergedrückt einen weiteren Tag der Sklaverei erlitt. Auf ihrem Weg dahin wendet sich der Vater zu seinem Sohn und richtet dessen Geist auf, indem er sagt: „Siehst Du diese drei Bäume dort?“ Dein Urvater Jakob brachte sie einst aus Israel und sie waren nicht viel größer als kleine Sämlinge. Doch wie diese gewaltigen Bäume wuchsen, so wuchs auch das Volk der Israeliten … Eines Tages werden wir diesen furchtbaren Ort verlassen. Wir werden zurückkehren nach Israel. Und wir werden diese Bäume mit uns nehmen. Denn aus ihnen wird das Heiligtum für Gott entstehen.“

So sollten diese Bäume in der dunklen Zeit Mut und Hoffnung machen. Aus diesem Grund werden die Akazien bis heute auch die „Bäume der Hoffnung“ genannt.

Während eines Konzertes regten mich die Gedanken an diese Urgeschichten dazu an, die Randarbeit meiner Geigen fortan aus Akazienholz zu fertigen. Die Randarbeit der Geige ist für mich ein klingendes Gleichnis. Der Rand aus Akazienholz umschließt die Fläche und beschreibt so die Grenzen der schwingenden Form. In jenen Grenzen hat die Schönheit des Klanges Ursache und Raum. So umschloss von alters her auch die Akazienholzlade des Heiligtums, die während der Wüstenwanderung gefertigt wurde, die Weisung zum Leben: die Tora. Diese gibt dem Leben Grenzen und (somit) Raum. In der Tora findet die „Kunst des Lebens“ ihre Berufung. Schönheit ist nie etwas Gesetz- oder Uferloses, sondern lebt aus der Achtung von Grenze und Raum. Die Randarbeit der Geige ist darum ein Gleichnis für die Achtung der Grenzen, die jede gelebte Schönheit von uns verlangt.

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