Die Instrumente meiner Werkstatt

Jedes Instrument aus meiner Werkstatt ist eine individuelle „Klangskulptur“, ein Unikat, das meine klangliche und künstlerische Handschrift trägt. Einige meiner Geigen, Bratschen und Celli bewähren sich seit Jahren in den Händen renommierter Solisten und Konzertmeister als erfolgreiche Konzertinstrumente. Aber auch Orchestermusiker und ambitionierte Liebhaber freuen sich am Klang meiner Instrumente. Meine Modellpalette gibt Auskunft über die unterschiedlichen Instrumentenkategorien. 

Im Folgenden möchte ich beschreiben, was Geigenbau für mich bedeutet.

 

Der Schöpfungsakt

Wären die Fasern des Holzes mathematisch definierte Linien, dann ließe sich die Geige konstruieren, es ließe sich eine Idealform machen. Sie wäre vor Beginn der Arbeit schon festgelegt. Der Faserverlauf des Holzes aber ist nicht perfekt. Darum ist der Werdegang einer Geige keine Konstruktion, sondern ein Schöpfungsakt. Eine Konstruktion ist ein unerbittlicher Plan, den das Material erfüllen muss; bei einem Schöpfungsakt aber steht die Frage im Raum, welche Möglichkeiten dem gegebenen Holz verheißen sind. Man achtet auf die gewachsenen Fasern – was bringen sie mit? Man sieht das Werdende – was kann sich entfalten? Eine Geige zu bauen, ist deshalb ein Schöpfungsakt, da hier nicht das Holz dem Meister gerecht wird, sondern der Meister dem Holz. Er muss sich fragen, was er in Händen hat. Wie ist das Holz geworden – und was kann aus ihm nun werden? Alles lebt von der Achtung und der Weisheit, die der Meister dem Werk entgegenbringt.

Der Bau einer Geige ist ein Schöpfungsakt, denn Schöpfung bedeutet, dass sich verheißene Möglichkeiten entfalten. Der Sinn erweist sich im Werdegang. Das Holz entfaltet seinen Klang. Darin wird es zu einer zweiten Schöpfung. Es wird von neuem geboren. Wenn ich durch die klangliche Rauigkeit des Hobels den Verlauf der Fasern spüre, dann ist das wie ein Zwiegespräch mit dem Holz. Erst während der Arbeit wird darum klar, wie die Wölbung werden soll. Das Holz hat sein Mitspracherecht an diesem Werden. Das macht den Schöpfungsakt aus, um den es geht. Und wenn es gelingt, ist es – trotz aller Meisterschaft und Forschung – immer auch ein Akt der Gnade. Denn es ist nicht einfach „verfügbar“, vielmehr stellt man sich mit einem wachsamen Ohr und Auge dem Werdegang zur Verfügung. Alles geschieht in der Achtung gegenüber dem Gewordenen und im Wechselspiel mit dem Gewachsenen. Im Gegensatz dazu steht bei einer Konstruktion alles Werden unter dem Zwang des Gewollten. Das ist zu wenig, es ist kümmerlich.

 

Das Kunstwerk

Es liegt eine Faszination in der Idee, sich selbst mit allen Menschen und Geschöpfen als Kunstwerke anzusehen; ja die ganze Welt des Lebens als Kompositionen und Motive zu sehen, als Bilder und Skulpturen, Szenen und Akteure eines gewaltigen Werkes. Kunstwerke können schön sein und bisweilen auch recht wunderlich. Wir sind Kunstwerke. Konstruktionen jedenfalls nicht. In der Weisheit eines Schöpfungsaktes ist keine Verbissenheit.

Vielleicht soll jedes Konzert, jede Aufführung, jede Ausstellung, jedes Museum so etwas wie die Grundschule einer derartigen Weltanschauung sein und uns das Einmaleins des Erkennens lehren: Die Liebe zum Hinsehen und Hinhören, die Faszination des Fragens und Deutens. Wir sollen uns in die Welt wagen und sie anschauen als jenes großartige Werk, wie es in seinen atemberaubenden Versuchen das Leben auszudrücken sucht. Solch eine Liebe wird unsere Abstumpfung überwinden. Die Faszination gibt ihr dazu die Kraft.

Wer nur das Ideale sieht und nur gelernt hat, Dinge zu wollen, nicht aber gelernt hat, die realen „Fasern des Lebens“ zu sehen, ist dazu nicht fähig. Hätten wir Barmherzigkeit und Mut, so würde uns das von der Zwanghaftigkeit befreien, den Menschen und Geschehnissen, die wir erleben, ihre Gnade zu rauben. Es würde uns vor der Arroganz bewahren, die Dinge gegen den Faserverlauf des Lebens zu erzwingen.

Die Gottlosigkeit der geraden Linie

Der Maler Friedensreich Hundertwasser sprach einmal von der „Gottlosigkeit der geraden Linie“. Es ist ein Bildwort für diese Unerlöstheit und Verbissenheit – als müsse das Leben etwas Gerades sein. Die Zeit, in der wir leben, die Möglichkeiten, die wir haben, die Umstände, die wir erfahren – alles hat seinen eigenen Drehwuchs und seine krummen Fasern. Dem gegebenen Holz gerecht zu werden und zugleich das gebotene Gesetz der Akustik zu beherzigen – das ist die geheime Kunst des Geigenbaus. Es zeigt etwas von den inneren Gesetzen des Lebens: Die Barmherzigkeit mit dem Gegebenen und die Ehrfurcht vor dem Gebotenen – sie sind das Wesentliche eines jeden guten Werdegangs. Der Schöpfungsakt einer gelingenden Geige ist dafür nur ein Gleichnis...

Martin Schleske, Stockdorf 2015