Die Instrumente meiner Werkstatt

Jedes Instrument aus meiner Werkstatt ist eine individuelle „Klangskulptur“, ein Unikat, das meine klangliche und künstlerische Handschrift trägt. Einige meiner Geigen, Bratschen und Celli bewähren sich seit Jahren in den Händen renommierter Solisten und Konzertmeister als erfolgreiche Konzertinstrumente. Aber auch Orchestermusiker und ambitionierte Liebhaber freuen sich am Klang meiner Instrumente. Meine Modellpalette gibt Auskunft über die unterschiedlichen Instrumentenkategorien. 

Im Folgenden möchte ich beschreiben, was Geigenbau für mich bedeutet.

 

Der Schöpfungsakt

Der Bau einer Geige ist ein Schöpfungsakt, denn im Gegensatz zu einer technischen Konstruktion bedeutet „Schöpfung“, dass sich verheißene Möglichkeiten entfalten. Wenn ich durch die klangliche Rauigkeit des Hobels den Verlauf der Fasern spüre, dann ist das wie ein Zwiegespräch mit dem Holz. Erst während der Arbeit wird darum klar, wie die Wölbung werden soll. Das Holz hat sein Mitspracherecht an diesem Werden. Das macht den Schöpfungsakt aus. 

Wenn eine Geige mir gelingt, dann ist das, trotz aller Meisterschaft und Forschung, immer auch ein Akt der Gnade. Das Ergebnis ist nicht verfügbar, vielmehr stellt man sich mit einem wachsamen Ohr und Auge dem Werdegang zur Verfügung. Alles geschieht in der Achtung gegenüber dem Gewordenen und im Wechselspiel mit dem Gewachsenen.

Das Kunstwerk

Es liegt eine Faszination in der Idee, sich selbst mit allen Menschen und Geschöpfen als Kunstwerke anzusehen; ja die ganze Welt des Lebens als Kompositionen und Motive zu sehen, als Bilder und Skulpturen, Szenen und Akteure eines gewaltigen Werkes. Vielleicht soll jedes Konzert, jede Aufführung, jede Ausstellung, jedes Museum so etwas wie eine Grundschule sein, die uns das Einmaleins des Erkennens lehrt: Die Liebe zum Hinsehen und Hinhören, die Faszination des Fragens und Deutens. Wir sollen uns in die Welt wagen und sie anschauen als jenes großartige Werk, wie es in seinen atemberaubenden Versuchen das Leben auszudrücken sucht.

Wer nur das Ideale sieht und nur gelernt hat, Dinge zu wollen, nicht aber gelernt hat, die realen „Fasern des Lebens“ zu sehen, der ist dazu nicht fähig. Hätten wir Barmherzigkeit und Mut, so würde uns das von der Zwanghaftigkeit befreien, den Menschen und Geschehnissen, die wir erleben, ihre Gnade zu rauben. Es würde uns vor der Arroganz bewahren, die Dinge gegen den Faserverlauf des Lebens zu erzwingen. Wenn schon eine Geige keine Konstruktion, sondern ein Schöpfungsakt ist, wie viel mehr gilt das für die Schönheit des Lebens!

"Die Gottlosigkeit der geraden Linie"

Der Maler Friedensreich Hundertwasser sprach einmal von der „Gottlosigkeit der geraden Linie“. Es ist ein Bildwort für diese Unerlöstheit und Verbissenheit – als müsse das Leben einer perfekten Konstruktion genügen. Die Zeit, in der wir leben, die Möglichkeiten, die wir haben, die Umstände, die wir erfahren – alles hat seine Abholzigkeit, seinen Drehwuchs, seine krummen Fasern. 

Dem gegebenen Holz gerecht zu werden und zugleich das gebotene Gesetz der Akustik zu beherzigen – das ist die geheime Kunst des Geigenbaus. Es zeigt etwas von den inneren Gesetzen des Lebens: Die Barmherzigkeit mit dem Gegebenen und die Ehrfurcht vor dem Gebotenen – sie sind das Wesentliche eines jeden guten Werdegangs. Der Schöpfungsakt einer gelingenden Geige ist dafür nur ein Gleichnis.

Martin Schleske, Landsberg am Lech

Abbildung rechts: Die Rekonstruktion des Umrisses der Basilika Vierzehnheiligen von Balthasar Neumann (1687-1753) half mir, wesentliche Grundprinzipien der Umrisse Stradivaris zu begreifen. Die Skizze veranschaulicht den ästhetischen Grundgedanken: Das für diese Epoche typische Wechselspiel zwischen Vertrautheit und Überraschtheit - hier: zwischen vertrauten Kreiselementen und krisenhaften Umbruchstellen. Es ist bei den großen italienischen Altmeistern der Geigenbaukunst ebenso präsent wie in den Kathedralen und  Kompositionen dieser Zeit. Siehe dazu ausführlich im 3. Kapitel Martin Schleske: "Der Klang - Vom unerhörten Sinn des Lebens", 352 Seiten, München 2010. (c) Martin Schleske 2014..